Fußball ist auch nur ein Spiel

Rainer Döhling

Leseprobe
Das letzte gemeinsame Essen mit dem Ersten Sekretär der Partei des Bezirkes Erfurt

Der Erfurter Parteichef glaubte an eine Wende. Mit ihm an der Spitze wollte die gesamte Bezirksleitung der Partei die Wende zum Besseren auf dem grünen Rasen erleben und unsere Bemühungen um besseren Fußball unterstützen. Aus diesem Grund wurden Spieler und Funktionäre manchmal ins Gästehaus der Partei zum gemeinsamen Mittagessen eingeladen.
Das Essen bei diesen Treffen war gut, das Angebot reichhaltig und dies alles dazu angetan, die Zunge zu lockern. Da mit der freien Rede dem Anlass entsprechend jedoch nur sparsam hantiert wurde, blieben den Gästen manchmal einige Brocken, die sowohl rein als auch raus sollten, im Hals stecken.
Goldene Regel war, ein solches Beisammensein bis ins kleinste Detail vorzubereiten und sich später der Absprache entsprechend zu verhalten. Schon vorher war klar, was der Vorsitzende des Fußballvereins sagen würde. Der Trainer wurde eingestimmt, und der Mannschaftskapitän bekam einige Sätze zum Auswendiglernen. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, wurde auch der jüngste Spieler, der letzte Torschütze und der Neueinkauf „präpariert“. Theoretisch war also alles klar. Praktisch haben wir unsere Regel einmal missachtet.
Zu dieser Zeit war wieder einmal alles auf dem Sprung, alles anders zu machen. Wir hatten einen neuen Trainer verpflichtet und unserer Fangemeinde Erfolge in absehbarer Zeit versprochen. Und wir waren zum Mittagessen eingeladen. Die erste Ansprache hielt ich. Danach leistete der Trainer seinen Beitrag zum Programm. Jetzt sollte eigentlich gegessen werden. Die Zwiebelsuppe war aber leider noch so heiß, dass noch ein Redner eingeschoben werden musste. Der Mannschaftskapitän bekam das Wort erteilt mit einem leichten Tritt unter dem Tisch gegen sein Knie. Und seine ersten Sätze waren wirklich nicht schlecht. Na ja, ganz unvorbereitet traf ihn die Redeaufforderung nicht. Er sprach davon, dass alle Spieler wüssten, was die Werktätigen von ihnen verlangen würden und versprach, dass sich vor allem die Genossen um bessere Resultate bemühen würden.
Bis zu diesem Punkt war seine Ansprache gut, niemand hatte gegen das Gesagte etwas einzuwenden und die Suppe mittlerweile die richtige Temperatur. Da schoss unserem Mannschaftskapitän, der Gefallen am Reden gefunden hatte, abweichend von seinem Redekonzept noch ein Gedanke durch den Kopf. Und ohne seine hungrigen Mannschaftskollegen eines Blickes zu würdigen, wandte er sich mit den folgenden Worten an den Gastgeber: „Und, Gerhard, du weißt ja selbst, ganz zum Schluss hilft eigentlich nur, auf Gott zu vertrauen“.
Ich habe auch nach diesem Tag noch oft in Gemeinschaft gut gegessen. Aber nie wieder mit unserem Fußballteam beim Ersten Sekretär der Partei.

"Der erste Podgorny und ich"