Der erste war Podgorny und der letzte war ich

Rainer Döhling

Leseprobe
Der erste war Podgorny und der letzte war ich

Es war schon interessant, Breshnew in Moskau zu verabschieden, als er 1974 zu einem Parteitag in die DDR flog. Es machte sich gut, Pioniere auf dem Rollfeld zu platzieren und einen Strauß zum Abschied zu überreichen. Und ich war der Betreuer der Kinder. Nun hat mich das weniger interessiert, das Drum und Dran, das erlebt man als Normalbürger nicht jeden Tag. Die Formalitäten, die erledigt werden mussten, bis die richtigen Pioniere ausgewählt waren, erspare ich mir. Ich fange dort an, wo sich der Bus in Richtung Wnukowo in Bewegung setzt.
Die Straße zum  Flugplatz, die gleich der Beförderung des gesamten Zentralkomitees dienen wird, ist noch nicht gesperrt, aber in jedem Feldweg stehen schwarze Limousinen mit den Kennzeichen MOK und MOS. Der Flugplatz ist menschenleer, wir klingeln am Tor, und uns wird aufgetan. Wir fahren mit dem Bus an den Hintereingang und nehmen Platz in einem Riesensaal, in dem sich kein Mensch befindet. Doch, es ist jemand da, und darüber habe ich mir in den letzten dreißig Jahren immer wieder Gedanken gemacht. Im Empfangsgebäude des Flughafens, der nach allen Seiten hermetisch abgeriegelt ist, sitzt ein altes Mütterchen mit einem Tragkorb.
Ich nehme stark an, es war ein verkleideter Sicherheitsbeamter, der jederzeit die Kalaschnikow aus dem Korb ziehen konnte. Es war aber weit und breit niemand, der einen Überfall hätte bewerkstelligen können.
Der kleine Empfangssaal nebenan füllte sich. Die einzelnen Mitglieder der Regierung bewegten sich dort rauchend und parlierend. Jetzt gab es noch eine Hürde zu überwinden, nämlich die Bodygards, die die Ausgänge nicht für jedermann öffneten. Draußen wartete dann alles auf Breshnew. Er kam, braungebrannt, rauchend, begrüßte die Regierungsmitglieder und den Flugkapitän. Er sah so aus, wie zehn Jahre später auf den Plakaten. Jetzt fiel ihm auf, dass da jemand ihm einen Blumenstrauß übergeben wollte. Er wunderte sich, dass der Deutsche so gut russisch spricht, umarmte ihn und schlug ihm dabei den Nelkenstrauß so aufs Kreuz, dass der für nichts mehr zu verwenden war.
Anschließend stieg er leichtfüßig ins Flugzeug. Während die Maschine in Startposition rollte, formierten sich die Herren zu einer echten Seniorenriege, vorn Podgorny, und der letzte war ich.
Die Maschine rollte an uns vorüber, alle winkten staatsmännisch, und während dieser Parade geht ein Mann von einem zum anderen und verteilt aus einer Zigarrenkiste Orden.
Jetzt durchfuhr mich ein Glücksgefühl. Ich war nahe daran, einen Orden des Sowjetstaates zu erhalten. Leider ging dem Zigarrenkistenmann kurz vor mir die Dinger aus, und ich habe auch nicht mitbekommen, welche Orden dort verteilt worden sind.
Am nächsten Tag war ich gespannt auf die Bilder in der „Prawda“. Die Fotografen hatten aus allen Positionen geschossen. Aber ich konnte und konnte mich nicht entdecken. Eine Woche später habe ich bei TASS angerufen und um einige Abzüge gebeten. Kein Bild zeigt auch nur einen Zipfel von mir. Auf Anfrage wurde mir mitgeteilt: „Die Politiker sind bekannt, dass auch Kinder hin und wieder zur Verabschiedung hinzugezogen werden, ist auch klar. Sie aber kennt niemand, deshalb wurden Sie wegretuschiert“.
Das war mein Zusammentreffen mit „Wladimir“ Iljitsch Breshnew.

Für die, denen der Name nichts sagt: Breshnew war von 1963 bis 1982 das Staatsoberhaupt der Sowjetunion und zu dieser Zeit einer der mächtigsten Männer der Welt.

"Der erste Podgorny und ich"